August 2012: Stachelhäuter

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BSPG 2011 I 64a
Eldonia berbera Alessandro & Bracchi
Oberes Ordovizium, ca. 445 Millionen Jahre
Erfoud, Tafilalt, Marokko
Durchmesser des Fossils: 10 cm

Eldonia berbera aus dem ordovizischen Sandstein Südost-Marokkos gehört zu einer Gruppe von Fossilien, deren Position im Tierreich bis heute weitgehend ungeklärt ist. Eldonien wurden erstmals durch die wissenschaftlichen Arbeiten von Charles D. Walcott über die 520 Millionen Jahre alten Fossilien und Ablagerungen des mittleren Kambrium am kanadischen Burgess-Pass – eine der berühmtesten Fossilfundstellen überhaupt – Anfang des 20. Jhdts. bekannt. Später, in den 1980er Jahren, fand man Eldonien auch in den ca. 530 Millionen Jahre alten Sedimenten von Chengjiang im Süden Chinas. Die deutlich jüngeren marokkanischen Vorkommen wurden erst zu Beginn des 21. Jhdts. bekannt. 

Eldonien zeichnen sich allgemein durch einen scheibenförmigen, einer Qualle nicht unähnlichen Körper aus. Je nach Fundort und Erhaltungsbedingungen existieren verschiedene radiale und konzentrische Internstrukturen. Eldonia berbera besteht im wesentlichen aus 4 konzentrischen Regionen, einem zentralen Ring schließt sich nach außen ein mittlerer Ring, ein eingedrehter schlauchartiger Bereich und schließlich ein äußerer Ring an. Im äußeren Ring sind Spuren von radialen Strängen zu erkennen, die vom Rand nach innen zu konvergent verlaufen.

Die Erhaltungsbedingungen im marokkanischen Sandstein sind leider nicht besonders gut, so dass man sich der Frage nach der Natur der Eldonien besser nähert, wenn man sich auf die kambrischen Fundstellen in China und Kanada bezieht. Hier, in den feinkörnigen Schiefern, sind die Erhaltungsbedingungen besser und erlaubten teilweise sogar die fossile Überlieferung von Weichteilstrukturen. So nimmt man an, dass es sich bei dem schlauchartigen, meist rechtssinnig eingedrehten Bereich um den Magen-Darm-Trakt handelt mit relativ eng benachbarter Mund- und Afteröffnung. In direkter Nachbarschaft der Mundöffnung sind bei den kanadischen Exemplaren traubenartige Cluster zu erkennen, wobei es sich um Mundtentakel handeln könnte. Weitere Strukturen werden als Keimdrüsen gedeutet.



Seit der Erstbeschreibung von Eldonia durch Charles D. Walcott ist dieses Fossil Gegenstand intensiver, kontroverser Diskussionen, was seine Position im Tierreich betrifft. Walcott selbst hielt Eldonia für eine Seegurke (Holothuroidea), also den Stachelhäutern (Echinodermata) zugehörig. Diese Ansicht wird bis heute von vielen Fachwissenschaftlern geteilt. Einige Paläontologen halten Eldonia allerdings für einen Vertreter der Staatsquallen, eine Gruppe innerhalb der Nesseltiere (Cnidaria). Des weiteren wird auch eine Zugehörigkeit zu den sog. Lophophorata, zu denen die Bryozoen (Moostierchen) und Brachiopoden (Armfüßer) gehören, diskutiert.

Das quallenartige Aussehen von Eldonia lässt eine im Meer schwimmende, pelagische Lebensweise vermuten. In den chinesischen Vorkommen treten Eldonien häufig zusammen mit Lobopoden auf, eine den heutigen Stummelfüßern nahe stehende, augestorbene Gruppe von frühen Gliederfüßern (Arthropoden). Vermutlich lebten die Lobopoden auf den im Meer treibenden Eldonien. Andere Vorstellungen gehen davon aus, dass Eldonia passiv auf schlammigem Meeresboden lag und lebte.

Eldonia ist ein schönes Beispiel für ein Fossil mit bislang unklarer Herkunft und Lebensweise, das auch heute noch den Paläontologen viele Rätsel aufgibt. Vermutlich werden erst zukünftige Funde von gut erhaltenen Eldonien größere Klarheit über die Natur dieses rätselhaften Fossils erbringen.

Martin Nose