Mai 2013: Unterkiefer eines Rüsselspringers

BSPG 1931 VII 1
Unterkiefer eines Rüsselspringers
Palaeothentoides africanus
Alter ca. 2,5 Millionen Jahre
(Pliozän/Altpleistozän)
Klein Zee, Namibia
Länge 18 mm, Breite 1,5 mm

Das Fossil des Monats Mai 2013 ist eine weitere Ergänzung zur noch laufenden Sonderausstellung „Fossiles Afrika – Aus der Vergangenheit eines alten Kontinents“ im Paläontologischen Museum München. Es handelt sich um den winzigen fossilen Rest eines kleinen Säugetiers, wie die Zähne auf dem Unterkieferfragment erkennen lassen. Es stammt gemeinsam mit vielen anderen Fossilien kleiner Wirbeltiere aus Aufsammlungen, die Anfang der 1930 Jahre durch einen Privatmann in den deutschen Kolonien und Schutzgebieten Afrikas getätigt und der Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Geologie geschenkt wurden.


Die Erwerbung dieser Fossilien ist dem Engagement des Münchener Paläontologen Ernst Freiherr Stromer von Reichenbach zu verdanken. Er wurde durch seine Forschungsarbeiten an afrikanischen Dinosauriern berühmt, beschrieb aber auch viele fossile Säugetierarten aus Afrika, so wie den hier ausgestellten Palaeothentoides.


Das Fossil, bestehend aus dem Mittelstück eines schmalen linken Unterkieferastes mit vier Zähnen der Backenzahnreihe, lässt eine ursprüngliche Schädelgesamtlänge von 7 cm und eine Körperlänge von 15–25 cm rekonstruieren. Die Zahnformen kennzeichnen die Zugehörigkeit zu den Rüsselspringern. Vor und hinter den Zähnen befinden sich im Knochen die Zahnfächer der Wurzeln weiterer drei Zähne. Diese Anzahl zeigt die komplette Ausbildung des permanenten Gebisses an, was das Fossil als Rest eines erwachsenen Rüsselspringers identifizieren lässt.


Rüsselspringer kennt man heute als kleine, mit einer rüsselartig verlängerten Schnauze und langen Hinterbeinen ausgestatteten Säugetiere, die ausschließlich in Afrika leben. Sie gehören zur großen Gruppe der Afrotheria (Afrikatiere), zu welcher neben den Rüsselspringern so unterschiedliche Tiergruppen wie die Elefanten, Seekühe, Schliefer, Tenreks, Goldmulle und Erdferkel gehören. All diese Tiere haben eine fossile Geschichte in Afrika, aber während manche auch nach Eurasien und sogar darüber hinaus ausgewandert sind, sind die Rüsselspringer immer in Afrika geblieben. Die Vielfalt der lebenden Rüsselspringer, zusam-mengesetzt aus Elefantenspitzmäusen, Kurzohrrüsselspringern, Rüsselratten und Rüsselhündchen, wird durch die fossil belegten Arten noch stark erweitert. Jedoch kennen wir von den ausgestorbenen Arten häufig nur ein Exemplar oder einige wenige Stücke, aber von keinem Vertreter kennen wir ein komplettes Skelett. Wir wissen also nicht, ob sie schon die selbe Körperform besaßen, wie ihre lebenden Verwandten. Die ältesten bekannten Rüsselspringerreste stammen aus dem Eozän (55 bis 34 Millionen Jahre vor heute).


Auf der Basis des hier ausgestellten Stücks hat Stromer von Reichenbach in 1932 die Rüsselspringer-Art Palaeothentoides africanus aufgestellt. Damit wurde dieses Stück zum Holotypus und Referenzstück für alle weiteren dieser Art zugeordneten Funde. Bis heute wurden allerdings nur noch zwei weitere Fragmente entdeckt, wovon eines leider verschollen ist. Palaeothentoides africanus wurde zunächst auf Grund einer Besonderheit in der Zahnform nicht als Rüsselspringer sondern als Beuteltier eingestuft, und in Anlehnung an ein fossiles Mausopossum benannt. Erst 1965 wurde die Zugehörigkeit des Fossils zu den Rüsselspringern erkannt. Das ändert jedoch nichts daran, dass es sich um einen der ersten entdeckten Belege für die fossile Geschichte der Rüsselspringer handelt. Rüsselspringerfossilien sind insgesamt sehr selten.



G. E. Rössner